8b interviewt Zeitzeugin

Die Klasse 8b der Liebfrauenschule.
Die Klasse 8b der Liebfrauenschule.

In den letzten Wochen des Schuljahres 2018/2019 befasste sich der katholische Religionskurs der Klasse 7b mit dem Unterrichtsthema „Zweiter Weltkrieg“. Angestoßen durch eine Schülerin des Kurses gelangte die Diskussion im Unterricht zu der Nottulnerin Zeitzeugin Marietheres Wübken und die Geschichte vom Flugblatt der Geschwister Scholl.

Dank Dagmar Nieborg, die im Haus neben Frau Wübken aufwuchs und auch noch heute persönlich mit Frau Wübken im Kontakt steht, entstand die Möglichkeit zu einen Besuch bei Frau Wübken. Voller Neugier und Interesse stellten die Schülerinnen und Schüler einen Fragenkatalog im Unterricht zusammen, um diesen im persönlichen Gespräch mit Frau Wübken zu nutzen. Aufgrund des stolzen Alters von Frau Wübken besuchten nur zwei Schülerinnnen des Kurses, Dagmar Nieborg und die Religionslehrerin Esther Cantama Frau Wübken an einem Dienstagnachmittag.

Mit großer Herzlichkeit begrüßte Frau Wübken ihre Besucher und beantwortete die zahlreichen Fragen der Schülerinnen und nahm sie mit auf eine sehr detailliert erzählte Reise in ihre Vergangenheit. Frau Wübken erzählte den Schülerinnen zunächst, dass sie zunächst ein Internat in Haselünne besuchte  und nach dem Abitur ein Semester Germanistik und Kunstgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München studierte. Hier ereignete sich der Vorfall mit dem Flugblatt der Geschwister Scholl. Zwischen dem Wechsel von Vorlesungen nahm Frau Wübken ein von oben herunter geworfenes Flugblatt auf und steckte dieses in ihre Tasche. In der nächsten Vorlesung nahm sie wahr, dass sich Kommilitonen über den Inhalt des Flugblattes empörten, da dieses staatsfeindlichen Inhalts war. Daraufhin versteckte sie das Flugblatt unter ihren Kleidern und die Gestapo sperrte recht schnell das Universitätsgelände ab und kontrollierte Taschen etc. Erst Stunden später nachdem sie wieder die Universität verlassen durfte, schaute Frau Wübken das erste Mal auf das Flugblatt in ihrem Zimmer und lernte dies auswendig. Auch noch heute kann sie einzelnen Passagen des Flugblatts auswendig. Von großer Bedeutung ist dieses Flugblatt für Frau Wübken, da die Geschwister Scholl in dieser schrecklichen Zeit, den Mut und das Wagnis aufbrachten, ihre Meinung zu verbreiten und zum Widerstand aufriefen, obwohl Festnahmen, Verhöre oder auch Enthauptungen zu erwarten waren.

Nach diesen einschneidenden Erlebnissen kehrte Frau Wübken zurück nach Hause und wurde IHK Lehrling. Im weiteren Verlauf des Gesprächs berichtete sie den Schülerinnen von ihren Kriegserlebnissen aus Nottuln, angefangen von der Spaltung der Nottulner Gesellschaft in ein pro oder contra Lager gegenüber Hitler, Nahrung, die nur über Bezugsscheine zu erhalten war, Bombenalarme und Luftschutzbunkern und ihren jüdischen Nachbarn Lippers, die nach Holland flüchteten und später im KZ starben.

Rückblickend resümierte Frau Wübken, dass der Glaube eine bedeutende Rolle in ihrem Leben einnimmt und insbesondere zur Zeit des Krieges darstellte. Ein prägendes Vorbild in der schrecklichen Zeit des Krieges und auch bis heute stellt für sie der ehemalige Münsteraner Bischoff Clemens August Graf von Galen (Der Löwe von Münster) dar. Seine drei bedeutsamen Predigten, die er in Münster zur Zeit des Zweiten Weltkriegs hielt, übten bewusst Kritik am Regime der Nationalsozialisten. Basierend darauf übertrug Frau Wübken die auch noch heutige Bedeutsamkeit des Flugblatts der Geschwister Scholl und händigte daher den Schülerinnen eine Kopie des Flugblatts aus, damit dieses im Unterricht weiter besprochen werden kann. Sie zeigte sich sehr bewegt vom Mut und der Wagnis der Geschwister Scholl und dem Widerstand von Bischoff Clemens August Graf von Galen. Den Schülerinnen vermittelte sie dadurch ein Bewusstsein von Toleranz und Zivilcourage, welches auch derzeit sicherlich in unserer Gesellschaft von Bedeutung ist.

von: Esther Cantama